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Indien Teil 1 - eine andere Welt

Mit dem Fahrrad von Moreh an der Grenze zu Myanmar im Staat Manipur über Silchar und Shillong in Megahlaya nach Bangaigon in Assam. Indien haut uns einfach um (später leider im wahrsten Sinne). Wir betreten kein anderes Land, es ist vielmehr eine ganz andere Welt. Dementsprechend heftig fällt der erste Kulturschock bei uns aus. Gleich zu Beginn werden wir mit unzähligen Höhenmetern und der (gewöhnungsbedürftigen) indischen Neugier zusammen mit einem nie dagewesenen Selfie-Wahnsinn konfrontiert. Daneben erleben wir wunderschöne immergrüne Landschaften, werden eher zufällig Teil des indischen ‚Holi‘ Festivals und dürfen ein paar wunderschöne Tage in einer Grundschule inmitten der Berge miterleben. Indien ist für uns unglaublich und es ist schwer alles in Worten und Bildern wiederzugeben. Es gibt viele Adjektive und Superlative die auf Indien zutreffen. Eines passt sicher nicht: langweilig. Indien mit dem Fahrrad ist wie Achterbahn fahren. Jeden Tag zwischen Lieben und Hassen. Nichts kann Indien wirklich beschreiben, man muss es gesehen haben um es zu verstehen. Ich versuch es trotzdem. (geschrieben von Jelena)



Links und rechts buntes Treiben. Es ist heiß und auf dem Grenzmarkt ist jede Menge los. Inder und Burmesen gehen lautstark ihren Handelsgeschäften nach. Überall schleppen Menschen massenweise Waren auf dem Kopf durch die Gegend. Schon hier ist uns klar, Indien wird ganz anders als das eher ruhige, entspannte Myanmar. Für uns ist es gar nicht so einfach den richtigen Grenzübergang zu finden und so landen wir nach einigen Umwegen endlich am burmesischen Grenzposten, allerdings von der falschen Seite! Wir befinden uns schon auf indischer Seite, was allerdings niemanden so recht zu stören scheint. Einen Ausreisestempel bekommen wir von Myanmar auch nicht, den sollen wir uns doch bitte bei den Indern holen. Klingt irgendwie unlogisch für uns und natürlich wissen die indischen Grenzbeamten auch von nichts. Nach einigem hin und her dürfen wir auch ohne Ausreisestempel nach Indien einreisen.

Nach weiteren Kontrollen an einigen schwer bewaffneten Checkpoints – Selfies inklusive – schaffen wir es nach Moreh, die nahe Grenzstadt. Es ist laut und dreckig. Die hektischen Handelsgeschäfte werden hier weiter geführt und unzählige schwarz-gelbe TukTuks bahnen sich lautstark ihren Weg durch die Straße. Schon hier merken wir, Indien ist laut, unglaublich laut sogar und das Verkehrschaos nochmal auf einem ganz anderen Level. Unser Versuch ein Hotel für die Nacht zu finden scheitert kläglich. An jedem zweiten Haus steht zwar groß Rice Hotel oder Hotel, aber der Begriff „Hotel“ steht, wie wir später lernen zuerst einmal für Restaurant und nur manchmal auch für Unterkunft. Und selbst diejenigen Hotels die eigentlich Zimmer haben, sind restlos ausgebucht und so bekommen wir nur seltsames Grinsen oder werden schlicht angestarrt, aber stets ohne Antwort auf unsere Frage nach einem Zimmer. Fix und fertig von Hitze, Lärm, Dreck, Müdigkeit und allem was dazu gehört, hilft nur noch Schokoeis und das dafür sogar mit belgischer Schokolade (das beste was wir seit langem gegessen haben! Und ja, es bleibt nicht bei einem...). Dank der kleinen Motivationsspritze schaffen wir es dann auch noch nach einigen Anläufen Geld abzuheben, wechseln will uns keiner unsere letzten Kyat aus Myanmar. Obwohl wir vom ganzen Tag schon unglaublich platt sind, mit über 100 km in den Beinen, beschließen wir die Stadt so schnell es geht zu verlassen und uns dann eben doch einen Zeltplatz zu suchen. Leider heißt das auch sofort bergauf in die Berge zu strampeln, aber wir haben keine Wahl und treten in die Pedale. Überall ist schwerst bewaffnetes Militär und allgemein haben wir das Gefühl beim Überqueren der Grenze in eine komplett andere Welt eingetaucht zu sein.

Und dann haben wir am Ende des Tages doch noch Glück. Ein netter Inder ‚Heging‘ hat uns bei der Zeltplatzsuche beobachtet und uns gleich sein leer stehendes Holzhaus am Straßenrand als Nachtquartier angeboten. Dafür zerstört er extra das Schloss mit seiner Machete, weil er den Schlüssel zu Hause liegen hat. Er selbst lebt nämlich in einem abgelegen Bergdorf, das nur zu Fuß über mehrere Kilometer erreichbar ist. Bevor er sich auf dem Weg macht erzählt er uns noch von seiner Frau, den drei Söhnen und seiner Tochter und davon das er vor ein paar Jahren einen seiner Söhne verloren hat. Wie wir später mitbekommen keine so seltene Geschichte in Indien. Schon am ersten Tag in Indien haben wir die komplette Palette an Gefühlen durchlebt. Wir waren kurz davor wieder umzudrehen, raus aus diesem hässlichen, dreckigen, lauten, nervenaufreibenden Land. Und am Abend haben wir dann (nicht zum letzten Mal) Bekanntschaft mit der indischen Herzlichkeit und Gastfreundschaft gemacht und einen der nettesten und bescheidensten Menschen überhaupt getroffen. Vielleicht wird Indien ja doch nicht so schlecht!


Am nächsten Morgen schlängelt sich unser Weg weiter durch die Berge. In einem Tal finden wir einen schönen kleinen Fluss und beschließen erst mal Rast zu machen. Wir sind beide etwas geschafft nach den vielen Kilometern in Myanmar und der Tatsache das unser letzter Ruhetag schon lange zurück liegt. So tut etwas Ruhe und ein kühles Bad unglaublich gut. Überhaupt sind ruhige Momente für uns alleine in der Natur hier die absolute Ausnahme, wie wir später noch feststellen werden. Anschließend wartet der nächste 25 km Anstieg bis wir oben ein kleines Städtchen erreichen. Überall am Weg begegnen wir wieder Militär. Wir passieren einige Straßenkontrollen, überall sitzen schwer bewaffnete Soldaten am Straßenrand und auf jedem Hügel und Dorf befindet sich ein Militär Camp. Die starke Militärpräsenz ist Zeugnis davon, dass es hier bis vor wenigen Jahren noch bewaffnete Konflikte mit Separatisten gab. Alle sieben Staaten im Nordosten von Indien sind nur durch einen winzigen Korridor mit dem Rest des Landes verbunden, dazu sind viele Regionen hier immer noch nur durch kleine Bergpfade erreichbar. So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele der Bergstämme hier nur wenig mit dem Rest von Indien identifizieren können. Häufig ist die ethnische und emotionale Nähe zu angrenzenden Ländern wie Myanmar, Tibet und Bangladesch größer und so gab es immer wieder Auseinandersetzungen und Unabhängigkeitsbewegungen, welche seit einigen Jahren durch massive militärische Präsenz erstickt wurden. So ist es auch erst seit wenigen Jahren möglich, als ausländischer Tourist diese Regionen ohne spezielle Permits zu bereisen. Die Grenze zu Myanmar wie wir sie passiert haben, ist sogar erst seit August 2018 offen. Ein kleines bisschen komisch ist es schon für uns überall Maschinengewehre und Uniformen zu sehen.


Die Landschaft in den Bergen wird immer grüner und bietet uns traumhafte Ausblicke. Da kann unser erstes Abendessen in Indien nicht mithalten. In einem kleinen Teehaus bekommen wir Reis mit irgendeinem undefinierbaren Gemüse, was nicht unbedingt das widerspiegelt was wir uns von indischem Essen erhofft hatten. Aber billig war es dafür allemal, 90 Rupien, also knapp über einen Euro für uns beide. Unser Zelt bauen wir an einer Hügelkette auf 1400 Metern auf. Die Luft ist angenehm frisch und wir genießen den Ausblick und die Tatsache, dass wir uns nicht mehr mit unserem Zelt verstecken müssen.

Die Straßenverhältnisse, die bislang überraschend gut waren werden auf der Abfahrt am nächsten Morgen immer schlechter. Alles befindet sich im Bau. Im Tal angelangt rauscht die Gefühlsachterbahn mit uns mal wieder nach unten. Und so bezahlen wir nach einem Frühstück und einigen Diskussionen immer noch viel zu viel für ein paar Kichererbsen, frittierte Eier und Fladenbrot. Etwas frustriert machen wir uns wieder auf den Weg und bahnen uns unseren Weg entlang des Highways.

Vielleicht auch eine Warnung an uns?

Überall ziehen wir die Blicke auf uns. Menschen machen Selfies und Bilder vom Straßenrand von uns, zum Teil sogar aus dem fahrenden Auto. Einmal zieht ein Auto gefährlich knapp an Mirco vorbei und bleibt auf der Seite stehen, um dann das Handy aus dem Auto zu halten und Bilder zu machen. Nur mit einem heftigen Ausweichmanöver können wir einen Zusammenstoß verhindern.

Glücklicherweise kommt in diesem Moment von hinten kein Auto oder LKW. Nicht die einzige Nahtoderfahrung die wir auf indischen Straßen machen werden.


Auch die Zeltplatzsuche vor Imphal, der Hauptstadt von Manipur, erweist sich für uns als unglaublich schwierig und so beschließen wir uns doch ein Hotelzimmer in der Stadt zu leisten. Aber wieder ist Indien zuerst nicht auf unserer Seite. Wir klappern unzählige Hotels ab. Alle ausgebucht oder unglaublich teuer. Bis uns dann doch das Glück wieder einholt und ein netter Mann zu einer echten Jugendherberge schickt. 300 Rupien für ein einfaches Doppelzimmer in einer ruhigen, grünen Anlage, ein echter Glücksgriff! Und so gönnen wir uns erst einmal ein paar Tage Ruhe. Mirco kümmert sich um seinen gerissenen Mantel und bekommt beim zweiten Anlauf auch einen passenden. Den ersten (zu großen) Reifen steckt er einem Rikschafahrer zu, der diesen offensichtlich auch bitter nötig hat. Mit ein bisschen Glück und Durchhaltevermögen schaffen wir es auch uns eine indische SIM-Karte zu beschaffen. Uns ist ziemlich schnell klar geworden, dass es nur mit WLAN in Indien wohl nicht mehr so gut klappen wird und wir müssen doch noch einiges für unsere Weiterreise organisieren. Imphal an sich gibt uns einen ersten Einblick in das „richtige“ Indien wie man es sich vorstellt. Das Verhalten der Inder ist komplett konträr zu jeglichen Kulturen die wir zuvor erlebt haben. Die Straßen sind hektisch und laut, dreckig und schlecht. Kühe liegen mitten auf der Kreuzung und verursachen ein gigantisches Verkehrschaos. Im dreckigen Fluss baden und waschen sich die Menschen. Wir schauen uns den bunten Frauenmarkt in der Stadt an. Dieser hat eine lange Tradition und anders wie in vielen anderen Teilen Indiens haben Frauen in ganz Manipur einen höheren Stellenwert und mehr Selbstbestimmung.


Wir brauchen ein paar Tage um den Kulturschock zu verarbeiten und beschließen am 20 März, meinem Geburtstag, weiter zu reisen.

Zu meinem Geburtstag bekomme ich ein ganz besonderes Geschenk:

Natürlich habe ich „ja!“ gesagt! Obwohl der Ring ein wenig zu groß ist. Aber da Mirco ihn am Tag zuvor auf dem indischen Basar einer alten Frau nach, Zitat: “härtesten Verhandlungen für ein halbes Vermögen“ abgekauft hatte, konnten wir vor unserer Abfahrt nochmal zurück fahren und für mich und ihn einen passenden aussuchen. Ganze 20 Rupien (~25 cent) kostet ein Ring, ein „halbes Vermögen“ also. Aber zum Glück kennt er mich gut und weiß dass es die Geste ist, die zählt.


Auf dem Weg in die nahe gelegenen Berge feiern wir meinen Geburtstag noch ausführlich mit Schokoladeneis und Schokoladenkuchen. So kann zumindest an meinem Geburtstag sicher nichts mehr schief gehen. Etwas weiter finden wir auch noch Roti, ein typisches indisches Fladenbrot, mit einem Kartoffel-Linsen-Curry bei einem sehr netten Mann. Auch darf ich vom selbstgemachten Joghurt probieren. Zum Abschluss meines Geburtstages liegen wir in Mitten eines trockenen Reisfeldes fernab und ruhig gelegen und verstecken uns vom vorbeiziehenden Gewitter. Die Achterbahn nimmt uns wieder mit nach oben - ein gelungener Tag.


Von der flachen Ebene mit Reisfeldern ändert sich mit den Höhenmetern die Landschaft bis wir zu unserem Erstaunen in einem Pinienwald stehen. Seit Monaten haben wir hauptsächlich nur tropische Natur gesehen. So ist das eine tolle Abwechslung. Die bergige Landschaft in Richtung Silchar gefällt uns gut. Ein Wechselspiel von tropischen Regenwäldern, riesigen Bambuswälder und rauer Berglandschaft, mit unglaublich schönen grünen Tälern. Auch die Straße ist meist perfekt geteert und zu unserem Erstaunen kaum befahren. Ungefähr auf halben Weg stellen wir auch fest wieso. Eine Brücke ist unpassierbar für LKW und so bildete sich eine Kilometer lange Schlange vor dem Übergang. Unser Glück. Der Weg nach Silchar hat so einiges zu bieten. Erschrocken sind wir von den vielen armen Straßenarbeitern die mit kleinen Hämmern auf Steinblöcken herumhauen um daraus kleine Steine zu machen. Nicht selten arbeiten auch kleine Kinder, nicht älter als 6 oder 7 Jahre in den Steinbrüchen. Dieser Anblick löst jedes mal tiefes Beklemmen in uns aus. Diese Kinder haben keinerlei Perspektive und ohne Schulbildung keinerlei Chance jemals der Armutsspirale zu entkommen. Wir dagegen fahren mit dem Fahrrad um die Welt, zum Spaß. Jeden Tag werden wir aufs Neue daran erinnert wie privilegiert wir uns schätzen müssen, dass uns verhältnismäßig fast grenzenlose Möglichkeiten in die Wiege gelegt wurden.


Immer wieder erwischen uns starke Gewitter in den folgenden zwei Tagen und wir müssen unsere Regenjacke auspacken. Ein Highlight auf dem Weg ist vor allem das Zusammentreffen mit einer ‚Holi-Gang‘. Ein paar junge feiernde Männern die mit einem Auto durch die Berge fahren und das weit bekannte Holi Festival der Hindus bis in die abgelegenen Berge bringen. Die meisten Familien hier, im Gegensatz zu den meisten Indern, sind in diesem Teil des Landes Christen. Ausgelassen schmieren die Feierwütigen uns leuchtend rote und gelbe Farbe ins Gesicht. Und so bekommen wir fernab von allem doch etwas von diesem traditionellen farbenfrohen und fröhlichen Fest mit. Die Farbe werden wir noch Tage später in den Haaren tragen.


Ein paar Kilometer weiter überfährt Mirco fast eine zwei Meter lange Schlange. Die Vollbremsung verursacht einen Beinahe-Zusammenstoß, unsere Packtaschen müssen als Puffer herhalten.

Wieder einige Kilometer weiter schenken uns ein paar indische Trucker 250 Rupien. Wir haben sie eigentlich gefragt ob es hier was zu essen gibt. Nach einigem Hin und Her mit Hand und Fuß gibt es scheinbar doch nichts für uns. Sie scheinen trotzdem von unserer Reise so begeistert zu sei, dass sie sich nicht davon abbringen lassen uns Geld in die Hand zu drücken. Jedenfalls eine sehr seltsame Situation, der wir schnell entfliehen. Ein anderes Mal versucht ein spiritueller Hindu der mit seinen Neffen und einem Auto durch das Land tingelt uns zu bekehren. Indien wird einfach nie langweilig. Nicht mal fernab in den Bergen.

Nach einer weiteren Nacht in den Bergen rollen wir wieder ins Tal. Es wird wieder heißer und schwül. Beim Grenzübergang zu Assam müssen wir mal wieder durch zwei Polizeikontrollen, logisch, Selfies inklusive. Eine kleine Binnengrenze aber doch sieht hier alles wieder anders aus. In Assam leben sichtlich mehr Hindus. Die Hautfarbe wird dunkler und die Gesichter die zuvor noch mehr süd-ostasiatisch wirkten werden „typisch“ indisch. Hier wird auch das ‚Holi‘ Festival sichtlich ausgiebiger gefeiert. So dauert es auch nicht lang bis wir schwitzend mit knall pinken Gesichtern über die letzten Hügel strampeln. Die bunte Farbe läuft uns bei der Hitze in Bächen vom Gesicht. Wir rollen durch einige mit Tee bepflanzte Hügel bevor es vorerst wieder ganz Flach dahin geht. In der Ebene drängen sich die Menschen. Alles ist wieder bebaut und die Straßen sind voll. Auch treffen wir durch Zufall sogar zwei mal auf andere Radreisende und können schöne Geschichten und Informationen austauschen. Mit den vielen Menschen häufen sich auch wieder die Anfragen nach Selfies. Wir werden überall und ständig angesprochen oder einfach fotografiert und sogar mit Rollern und Auto verfolgt um Bilder zu machen. Wir reden hier von mindestens 20-30 „Anfragen“ jeden Tag. Für uns bedeutet das alles eigentlich nur Stress, vor allem wenn Motorrad- oder Autofahrer dicht an uns heranfahren und uns bei voller Fahrt nach einem Selfie anquatschen oder einfach drauf los fotografieren. So halten wir uns auch nicht lange in Silchar auf und fahren nach den wichtigsten Anschaffungen direkt weiter um einen Zeltplatz zu suchen. Mit Glück finden wir ein kleines freies Stück Land neben einer Brücke an einem großen Fluss. Jetzt können wir nur noch hoffen, dass wir nicht bald unzählige Inder um unser Zelt stehen haben, wie wir es von anderen Radreisenden gehört hatten. Und tatsächlich wir haben Glück. Nach einer ruhigen Nacht steht wirklich nur ein einziger Mann neben uns während wir unser Zelt zusammen falten und starrt uns wortlos an. Ausgeschlafen und auf einer kleinen Nebenstraße finden wir langsam Gefallen an dem was wir sehen. Indiens Straßen werden nie langweilig und so beobachten wir einmal wie eine ca. 20 Mann starke Gruppe von Männern in weißen langen Gewändern und Kappe im Entenmarsch die Straße entlang wandert. Vor ihnen zieht ein dünner schwächlicher Mann beschwerlich mit einem Holzkarren sämtliche Koffer der Männer über die holprige Straße. Kinder, Ziegen, Autos, Kühe, TukTuks, unzählige Fahrräder, alles kann man auf indischen Straßen beobachten. „Hello Sir. Hello Madam. Please come. Tea.“ Gut gelaunt nehmen wir eine Einladung von einem freundlichen Mann in sein Haus direkt an der Straße auf einen Tee an. Wir lernen die ganze Familie kennen und mit Händen und Füßen und wenigen Worten Englisch erzählen sie von ihrem Leben, während wir bei Tee, Butter-Toast, Granatapfel und Gurken versuchen die Geschichten richtig zu verstehen. Nach ca. 100 Fotos bekommen wir zum Abschluss noch eine Betelnuss zum Probieren. Wie schon in Myanmar wird sie hier überall und von allen Generationen fleißig gekaut, zusammen mit einer Priese Kalkstein und Blättern. Die Nuss selbst ist steinhart und schmeckt für uns nach nichts. Vermutlich macht die Kombination aus allen Zutaten ihre aufputschende Wirkung aus. Grauenvoll sieht es allemal aus, wenn sich die Zähne Blutrot färben. Nur sieht man davon in Indien leider viel weniger, da uns kaum jemand mehr angrinst.


Ein paar Kilometer weiter treffen wir wieder auf die Hautstraße und halten an um ein paar Bananen zu kaufen. Ich steige von meinem Rad und handle am Stand den Preis der Bananen aus. Als ich mich umdrehe sehe ich plötzlich, dass sich ca. 50 Inder um mich versammelt haben und mich anstarren. Diesmal ist es allerdings Mirco der belustigt die Kamera zückt und Fotos von der Situation macht. Natürlich findet er schnell Nachahmer und unzählige Selfies später befreien wir uns aus der Menge und fahren schnell weiter in Richtung der nächsten Bergkette. Nach zwei Anstiegen erreichen wir in einem traumhaften grünen Tal einen glasklaren blau leuchtenden Fluss. An dessen Ufer bauen wir unser Nachtlager auf und genießen ein erfrischendes bitter notwendiges Bad im kühlen Nass.

Am nächsten Morgen geht es für uns gleich wieder bergauf. Die Straße in Richtung Shillong bahnt sich über viele Kilometer immer leicht ansteigend die Bergkette hinauf. Es wird wieder kühler und die Landschaft wechselt. Nadelbäume und grüne Wiesen beherrschen das Bild. Leider auch immer wieder große hässliche Fabrikanlagen. Am zweiten Tag biegen wir auf einen kleinen Umweg in Richtung der Grenze zu Bangladesch ab. Dort soll es die berühmten ‚Living Root Bridges‘ geben. Nach einer kleinen Abfahrt geht es mir aber leider immer schlechter. Ich habe Bauchweh und fühle mich einfach schlapp. So beschließen wir den restlichen Tag auf einem kleinen Hügel im Zelt zu verbringen. Schon öfter hatte ich solche Probleme auf der Reise und war mir sicher das nach ein zwei Tagen meine Beschwerden verschwunden sein werden. Der nächste Tag wird ein kurzer Tag auf dem Fahrrad. Mir geht es immer noch nicht so gut aber wir brauchen Wasser und Essen. Wir fahren bis in das nächst gelegene Dorf, füllen unsere Vorräte auf. Beim Mittagessen erfahren von den Restaurantbesitzern viele interessante Informationen über die Gegend. Wir befinden uns in den Kasi-Hills. Die meisten Menschen hier sprechen Kasi. Wie in so vielen Regionen im Nordosten Indiens gibt es hier eine eigene Sprache. Wir sind erstaunt, als ein Inder das Restaurant betritt und sich mit den Besitzern auf Englisch verständigt. Für uns unvorstellbar, dass innerhalb eines Landes so viele unterschiedliche Sprachen und Kulturen nebeneinander existieren und die Menschen sich oft untereinander gar nicht verständigen können. Am nächsten Morgen rollen wir an unzähligen, bunt bemalten, indischen LKWs vorbei. Es geht bergab. Über 10 km steil hinunter bis zur Grenze von Bangladesch. Auf der kompletten Abfahrt reihen sich die Fahrzeuge und warten darauf die Grenze passieren zu dürfen.

Bangladesch ist extrem flach und liegt fast auf Null m ü. M. Die Grenze schlängelt sich eng entlang der Kante der indischen Bergkette, von der wir kommen. Für uns heißt das wellige und viele Höhenmeter mit weitem Blick über flaches Land. Die Landschaft ist traumhaft schön. Wunderschöne tiefblaue Flüsse kommen aus den Bergen und bahnen sich ihren Weg durch sattes tropisches Grün. Ich habe immer noch wenig Kraft und so versuche ich mich mit der schönen Landschaft und den vielen Blumen, bunten Vögeln und Schmetterlingen von den anstrengenden Kilometern abzulenken. Wir haben eine kleine enge holprige Straße gewählt und fahren durch Palmenwälder und kleine abgelegene Dörfer. Aber selbst hier sind wir vor den Selfies der Inder nicht sicher. Einmal verfolgen und zwei Jungs über mehrere Hundert Meter und filmen uns mit ihren Handys, bis Mirco ihnen mit genervt und sehr deutlich klar macht was wir davon halten. Die Straße führt uns hinauf auf etwa 500hm und zu einem kleinen Dorf, wo es eine dieser grandiosen Naturbrücken aus lebenden Wurzeln gibt. Das Dorf selbst wurde vor wenigen Jahren einmal zum saubersten Dorf Asiens ernannt und wirbt damit seitdem um Touristen. Für 20 Rupien pro Person Eintritt + 30 Rupien Kamera-Gebühr bewundern wir das faszinierende natürliche Bauwerk.

Weitere zwei anstrengende Tage brauchen wir bis kurz vor Shillong. Meine Kraft will immer noch nicht zurück kommen und so sind die 2000 hm Schwerstarbeit, während der sich mein Bauch auch immer wieder zu Wort meldet. Ortschaften und die Landschaft werden wieder rauer. Wir fahren entlang eines beeindruckenden Bergkamms, steile Hänge auf beiden Seiten der Straße legen Blicke in tiefe Canyons frei. Und so finden wir auch dort unsere schönsten Campingplätze bislang. Um uns längere Nachmittage im und am Zelt zu vertreiben kaufen wir uns ein paar Spielkarten und so wird jeden Nachmittag die Weltherrschaft im "66" ausgespielt.

Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Es geht erstmal wieder 400 Meter bergab. Welche wir leider später auch wieder hinauf strampeln müssen. In Shillong selbst finden wir zu unserem erstaunen sogar dunkles Vollkornbrot und können unseren Kaffee-Vorrat aufstocken. Und so hat sich der Besuch in der Stadt auf jeden Fall schon gelohnt. Leider fängt es an zu Regnen und so erwischt uns ein starker Regenschauer genau auf den Weg aus der Stadt. Keine 10 km gefahren bleiben wir pitschnass und durchfroren stehen und suchen Schutz in einer Kirche am Straßenrand. Es stürmt und das Wasser prasselt vom Himmel und es dauert länger wie erwartet bis wir entdeckt werden. Wie so oft in solchen Situationen haben wir Glück und können auf die Hilfbereitschaft der Menschen zählen. Wir dürfen unser Nachtlager im Kellergeschoss des Gebäudes aufbauen. Vorher bekommen wir aber noch eine private Messe im Kerzenlicht, es ist nämlich Sonntag Abend und der Strom ausgefallen. Durch den Sturm sind Mirco und ich die Einzigen die sich neben den drei Predigern in der Kirche versammelt haben. Der Pastor übersetzt jeden Vers ins Englische und wir versuchen die Lieder auf Kasi mit zu nuscheln.


Nicht lange nach dem Sonnenaufgang hat sich auch das Unwetter verzogen und wir setzen unseren Weg durch Meghalaya, der Staat in dem wir uns mittlerweile befinden, fort. Die Landschaft erinnert uns stark an Schottland und so verwundert uns auch nicht das die Engländer früher das Gebiet ‚Scotland of the north-east‘ genannt haben. Nicht viele Touristen kommen in diese Gegend. Und so werden wir in Nongstoin von Celia beim Bäcker angesprochen. Celia wohnt mit ihren Mann Marc seit ca. 15 Jahren in der kleinen abgelegenen indischen Stadt. Ausländer kommen normalerweise nicht durch diese Stadt, auf Fahrrädern schon gar nicht, und so kommt sie sofort auf uns zu und fragt was uns hier her führt. Es dauert nicht lange und wir werden herzlich bei ihnen zu Hause willkommen geheißen. Wir erfahren von der Grundschule die sie vor Ort für die armen Kinder aufgebaut haben und bekommen prompt ein Zimmer für die Nacht angeboten. Drei Tage bleiben wir und schauen uns den Unterricht an. Spielen und reden mit den Kindern und haben einfach eine tolle, lehrreiche und inspirierende Zeit mit tollen Gesprächen und Eindrücken. Mit wenig Mitteln und unglaublich viel Herzblut und Eigenengagement bieten sie den Kindern hier ein Fundament für die Zukunft, welches in diesem Teil der Welt alles andere als selbstverständlich ist. Wer die Beiden bei ihrer Arbeit unterstützen möchte, schaut am besten mal auf ihrer Homepage vorbei: https://righthopeschool.wordpress.com/



Wir erfahren viele beeindruckende und manchmal skurile Informationen aus einem Teil Indiens, der weit abseits der Touristenpfade liegt. Eine ihrer Geschichten treibt uns vor Erheiterung fast die Tränen in die Augen. Kindernamen werden in dieser Gegend häufig schlicht danach ausgewählt, ob ein Wort angenehm oder bekannt klingt. Und so gibt es dort zum Beispiel einen Automechaniker, dessen Erstgeborener den Namen "Firstgear" trägt. Sein zweites Kind heißt "Secondgear" usw. Interessanterweise heißt sein viertes Kind "Lastgear". Familienplanung offenbar abgeschlossen. Weitere Namen sind zum Beispiel Firstborn, Lastborn, Hilarious, Bomber, Frankenstein... Wir genießen unseren Aufenthalt bei den Beiden sehr und nach dieser tollen Zeit verlassen wir Nongstoin in Richtung Assam und die Brahmaputra Ebene.

Und wieder macht mir mein Magen das Leben schwer und die letzten Tage un der Weg zu unserem Warmshower Host in Bongaigon werden wieder anstrengender wie gedacht. Es wird heiß, laut und der Verkehr nimmt deutlich zu. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen können, die folgenden vier Wochen werden die mit Abstand härtestens und gleichzeitig intensivsten unserer bisherigen Reise. Davon aber mehr im nächsten Eintrag.





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