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Nepal - Endstation in Südasien

Updated: Jan 15

Mit dem Fahrrad von Karkarbita im äußersten Osten Nepals bis in die Hauptstadt Kathmandu. Es ist zu Beginn unerträglich heiß und „brettlasehm“ (fränkisch für: flach wie ein Brettchen). Erst nach 400km beginnen die Berge, die uns ins Kathmandu-Tal führen. Wechselnde Topographie, unterschiedliche Menschen, anderes Klima. Nepal im Flachland ist nicht zu vergleichen mit Nepal in den Bergen. Und wir können es kaum erwarten die hohen Berge des Himalaya zu sehen! Von Kathmandu aus wollen wir zwei Wochen Wandern gehen ins Langtang Valley um ihnen noch näher zu kommen. Aber vorher müssen wir für einige Tage ganz schön leiden. Aber von vorne. (geschrieben von Mirco)



Unsere Reise durch Nepal beginnt mit einem sehr entspannten Grenzübertritt. Wir sind die einzigen Besucher und nach ca. 20 Minuten ist alles erledigt, wenn man denn weiß wo man hin muss. Es ist schon spät am Nachmittag und nach einigen Erledigungen, wie Geldwechseln, Simkarte und Gemüse kaufen, machen wir uns auf den Weg aus der Stadt. Es ist immer noch sehr heiß und die hohe Luftfeuchtigkeit macht uns zu schaffen. Da es das Ende der Trockenzeit ist, sind die meisten Flüsse komplett ausgetrocknet. Und wenn doch mal ein Rinnsal in einem rießigen Flussbett fließt, hat das Wasser meistens Lufttemperatur und bietet keinerlei Erfrischung. Die Landschaft ist so ganz anders als man es sich von Nepal vorstellt. Es ist flach und trocken. Ab und zu ein (bewässertes) grünes Reisfeld. Überall wohnen wieder Menschen und es ist viel los auf den Straßen. Wirklich alles erinnert uns stark an Indien. Auch die Menschen sehen sehr indisch aus.

Einen entscheidenden Unterschied für Radfahrer stellen wir aber sofort fest: An den Tankstellen gibt es kein Trinkwasser mehr. Und so wird die tägliche Suche nach Wasser wieder etwas erschwert. Zum Glück gibt es häufig Brunnen aus denen wir unsere Flaschen auffüllen können. Allerdings dauert das Filtern pro Flasche ca. 5min. Bei 35° jeden Tag kommen wir mit dem Filtern kaum nach. Mir setzt die Hitze so sehr zu, dass ich mich mehrmals am Tag übergeben muss. Um der Hitze zu entgehen starten wir zum Teil schon um 5 Uhr morgens, nur um von 10 bis ca. 15 Uhr irgendwo unter einem Mangobaum vor uns hin zu schwitzen. Dazu bewegen wir uns die ganze Zeit auf der einzigen Straße die Richtung Westen führt, einem großen Highway mit viel Verkehr. Wir können es kaum erwarten in die Berge zu kommen. Ein Highlight erleben wir trotzdem auf diesem Abschnitt. In der späten Nachmittagssonne geraten wir durch Zufall auf einen Markt in einer der Kleinstädte am Wegrand. Die vielen bunten Gewänder, blühende Bäume und die untergehende Sonne die die ganze Szenerie in ein warmes Licht taucht ergeben die perfekte Kombination für einige tolle Fotos. Überall wird verhandelt, verkauft und diskutiert. Trotz der Hitze ein sehr interessanter und spannender Abend. Um nicht in die Nacht zu fahren, brechen wir kurz vor Sonnenuntergang auf und suchen uns den nächstbesten Platz außerhalb der Stadt zum Übernachten. Obwohl überall viele Menschen wohnen, ist es doch ein wenig leichter als in Indien einen Platz fürs Zelt zu finden.



Nach gut fünf Tagen in der Hitze kommen wir endlich in die Berge. 1500Hm stehen uns gleich am ersten Anstieg bevor, aber mit jedem Meter wird das Klima angenehmer. Die Straße ist sehr gut und auch der Verkehr hält sich in Grenzen - wir genießen den größten Teil der Strecke sehr. Bis auf einen Moment, der beinahe das Ende unseres Trips bedeutet hätte und vermutlich noch Schlimmeres. Wir sind den indischen Verkehr ja mittlerweile gewohnt und wissen, dass es eigentlich nur Glück braucht um unverletzt mit dem Fahrrad auf Indiens/Nepals Straßen unterwegs zu sein. Es gibt einfach viel zu viele Variablen, die man nicht unter Kontrolle hat. Wir hatten bisher mehrere gefährliche Situationen. Aber so knapp wie in den Bergen Nepals war es noch nicht. Wir sehen vor uns wie im Gegenverkehr ein schwarzer Pick-up einen Truck überholen will. Leider sind wir im Weg. Der Pick-up Fahrer sieht uns und zögert für einen kurzen Moment. Die Straße ist so eng, dass für uns drei kein Platz ist und die Distanz zwischen uns eigentlich auch zu knapp für ein Überholmanöver. Sieht der Pick-up Fahrer wohl anders und gibt Gas. Er hält voll auf uns zu, der Truck keine 50m mehr von uns entfernt. Wir legen eine Vollbremsung hin, ich krache in Jelenas kracht Hinterrad und wir drücken uns so weit wie möglich an die Felswand. Im wirklich allerletzten Moment schert der Pick-up vor den Truck ein und letztlich sind es einige wenige Zentimeter die uns vor einem Frontalzusammenstoß bewahrt haben. Wir brauchen einige Minuten bis sich unser Puls wieder beruhigt hat, richtig fassen können wir so ein rücksichtsloses Verhalten immer noch nicht. Offenbar war dem Fahrer ein Menschenleben vollkommen egal.

Die letzten Kilometer nach Kathmandu sind zwar von deutlich mehr Verkehr geprägt, aber verlaufen glücklicherweise etwas ruhiger. Am Abend werden wir sogar mit einem Blick auf die hohen, schneebedeckten Berge des Himalaya belohnt. Ein majestätischer Anblick!

In Kathmandu können wir für einige Tage bei Jenni und Michael unterkommen. Ein Australisches Ehepaar, das seit dem großen Erdbeben 2015 beim Wiederaufbau hilft und seitdem in der Hauptstadt wohnt. Wir haben sie über Warmshowers kontaktiert und freuen uns auf ein paar Tage „normales“ Wohnen, nachdem wir mittlerweile fast zwei Monate im Zelt übernachtet hatten. Die beiden haben schon viele verschiedene Radreisende an den verschiedensten Orten der Welt aufgenommen. Sie selbst haben schon an über 70 Orten auf der ganzen Welt gelebt.

Dort angekommen fühlen wir uns sofort pudelwohl! Wir haben ein eigenes Zimmer und es wohnt noch ein Radreise-Pärchen für kurze Zeit dort mit ähnlichen Plänen wie wir. Nach einigen Tagen in denen wir vor allem den Luxus von Kühlschrank, Dusche und Sofa ausgiebig auskosten, wollen wir noch etwas Wandern gehen. Wir haben uns die Langtang Region ausgesucht, während Filippe und Marianna (http://www.pedaispelomundo.com) die Annapurna Runde wandern wollen.

8 Stunden dauert die Busfahrt über Straßen, die bei uns in Deutschland längst für den Verkehr gesperrt gewesen wären. Zum Teil im Schritttempo über fußballgroße Felsbrocken, mit 50 Leuten in einem Bus mit 30 Sitzplätzen und das ganze bei 35° C. Obwohl wir sitzen ganz vorne im Bus haben, ist es trotzdem alles andere als kurzweilig. Wir freuen uns sehr, als wir endlich am Beginn des Langtang Tals ankommen, auch weil wir durch die 14 Tage Wandern mal eine Abwechslung vom Radfahren haben. Die ersten drei Tage geht es stetig bergauf von ca. 1500 m. ü. M. in Sabru Besi auf fast 4000m in Kanyen Gumpa. Wir schleppen unsere komplette Campingausrüstung und einiges an Essen mit, da wir bis ans Ende des Tals wandern wollen, wo es keine Infrastruktur mehr gibt. Trotz knapp 20kg auf dem Rücken genießen wir das Wandern sehr, vor allem als am zweiten Tag dann noch die richtig hohen Berge ins Blickfeld kommen. Was wir allerdings auch sehen sind die Überreste des Erdbebens von 2015.

Das Langtang Tal war die wohl am härtesten getroffene Region in Nepal. Ganze Dörfer wurden von Gerölllawinen dem Erdboden gleich gemacht. Viele Hundert Menschen verlieren ihr Leben und fast alle Überlebenden sind obdachlos. Die Wucht mit der ein großer Gletscher das Dorf Langtang unter sich begrub war so groß, dass eine Druckwelle fast alle Bäume im gesamten Tal wie Streichhölzer umgeknickte. Die umgeknickten Bäume sind bis heute noch gut zu sehen. Unvorstellbar wie es ist sich zu diesem Zeitpunkt in dem wenige hundert Meter breiten Tal zu befinden. Jenni und Michael haben uns bereits davon erzählt, da sie gerade in dieser Region viel mit dem Wiederaufbau zu tun hatten.


Das Tal ist so abgelegen, dass sämtliche Vorräte und jegliches Baumaterial entweder über mehrere Tage getragen oder per Helikopter eingeflogen werden muss. Ein mühsamer Prozess, der noch immer nicht vollständig abgeschlossen ist.

Von Kanyen Gumpa aus erklimmen wir am frühen morgen den Kanyen Ri, einem 4770m hohen „Aussichtsberg“. Und der Blick ist wirklich umwerfend! Die hohen 6- und 7000er mit ihren schneeweißen Gletschern scheinen zum Greifen nah. Die Nacht zuvor hatten wir auf 4200m im Zelt übernachtet und zum ersten Mal war unser Zelt am nächsten Morgen gefroren! Zum Glück haben wir wahnsinniges Glück mit dem Wetter und trotz bevorstehender Regenzeit haben wir von 14 Tagen Wandern 13,5 Tage Sonnenschein und so dauert es meist nicht sehr lange bis wir wieder aufgetaut sind.

Nach unserem ersten Gipfel, wandern wir im Tal weiter bis Langshisa Karka. Auf den 15km Wegstrecke von Kanyen Gumpa bis ans Ende des Tals treffen wir nur drei andere Wanderer. Keine Menschen wohnen hier mehr und es gibt (noch) keine Häuser. Dafür eine ganze Menge Yaks die immer noch zum Teil ihr zotteliges Winterfell tragen und friedlich im Tal, dass hier deutlich breiter ist als weiter unten, grasen. Im Hintergrund die schneebedeckten Berge. Ein wunderschöner Anblick und für uns ein absolutes Highlight. Hier oben ist es fast perfekt still. Kein Lärm, nur die gelegentlichen Geräusche der Natur. Das rauschen der Gletscherflüsse, Wind, die Rufe der Adler, hier und da eine kleine Lawine die ins Tal rauscht. Wir genießen die Einsamkeit.


Neben den Yaks sehen wir eine große Herde zotteliger Bergziegen und riesige Adler und Geier die ihre Kreise scheinbar schwerelos die Aufwinde an den Berghängen nutzen und sich in die Höhe schrauben. Wir übernachten am Ende des Tals unter bunten Gebetsfahnen und unweit eines riesigen Gletschers auf 4400m ü. M. im Zelt. Obwohl der Schlaf in diesen Höhen nicht mehr wirklich erholsam ist, ist es doch ein unbeschreibliches Gefühl am Morgen von den ersten Sonnenstrahlen, die hinter den weißen Gipfeln hervor scheinen, wachgekitzelt zu werden.

Zurück in Kanyen Gumpa verstecken wir erneut unsere schwere Campingausrüstug und erklimmen einen zweiten Gipfel, den Tserko Ri auf 4980m ü. M. Wir starten um 6 Uhr morgens und brauchen gute 3h für die knapp 1100hm. Die Luft in dieser Höhe wird schon verdammt dünn und vor allem die letzten hundert Höhenmeter haben es ordentlich in sich. Leichtes Klettern über große Felsbrocken und frischer Neuschnee machen die Sache nicht einfacher. Oben angekommen bietet sich uns dann einer der grandiosesten Ausblicke die wir je gesehen haben. Wir sind umringt von hohen, schneebedeckten Gipfeln und imposanten Gletschern, die alle zum Greifen nahe scheinen. Noch dazu sind wir die ersten am Gipfel und haben so den Moment für uns alleine. Definitiv wieder ein Highlight unserer Reise!



Nach dem Abstieg genehmigen wir uns eine ordentliche Portion Dhal Bhat in Kanyen. Dabei handelt es sich um das Nepalesische Nationalgericht, ohne das hier nichts und niemand funktionieren würde. Nepalesen brauchen ihr Dhal Bhat wie die Luft zum Atmen. Es besteht aus einer großen Portion Reis (Bhat) und einer Linsensuppe (Dhal). Dazu gibt es meisten noch etwas gebratenes Gemüse in unterschiedlichen Ausführungen. Und das Beste daran ist, sobald der Teller leer wird, wird Dhal und Bhat meist unaufgefordert aufgefüllt, so lange bis man wirklich papp satt ist. In den meisten Regionen Nepals kostet so ein Gericht zwischen 150 und 200 Rupien (1,20-1,50€). Da sämtliche Zutaten über mehrere Tage durch das Tal getragen werden müssen, kostet Dhal Bhat hier oben mindesten 550 Rupien (inklusive Verhandeln!). Auch deshalb haben wir einige Vorräte selbst dabei und so leben wir die meiste Zeit von Nudeln mit Salz und etwas Gewürz.

Wir entscheiden uns dazu am gleichen Tag noch etwas tiefer zu wandern und so stehen am Ende 26km mit gut 1500hm bergauf und 1800hm bergab zu buche – reicht!

Unser Plan ist zurück nach Sabru zu wandern um von dort nochmal auf über 4400m aufzusteigen nach Gosainkund, einem heiligen Ort für viele Hindus. In Sabru füllen wir unsere Vorräte auf und machen uns noch am selben Tag an den Aufstieg. Für die insgesamt fast 3000hm benötigen wir zwei Tage. Auf dem Weg begegnen wir Indischen Languren die gerade dabei sind eine leerstehende Lodge auszuräumen. Die wunderschönen Tiere sind sehr scheu und wir hatten Glück sie zu überraschen und so einige Fotos aus kurzer Distanz machen zu können.



Gosainkund selbst liegt auf gut 4400m ü. M. und die Landschaft ist geprägt von mehreren hochalpinen Seen. Einmal im Jahr pilgern hier hin tausende Hindus, was nicht zuletzt die gut ausgebauten Wanderwege und die zahlreichen Lodges erklärt. Aber auch die enormen Mengen an Müll die überall zu finden sind. Immer wieder beobachten wir, wie Leute Plastikabfälle achtlos fallen lassen. Sehr schade zu beobachten, wie mit dieser wunderschönen Natur selbst von offensichtlich Einheimischen umgegangen wird.

Am letzten Tag unseres Trekking-Abstechers erwischt uns dann tatsächlich noch ein kleiner Regenschauer. 14 Tage wandern mit etlichen Höhenmetern und meist dreimal täglich (Instant-)Nudeln haben ihre spuren hinterlassen. Die Hose rutscht, die Nase schält sich und wir freuen uns einmal mehr auf den Luxus der in Kathmandu auf uns wartet!

Finde unser Haus!

Zurück in der großen Stadt verbringen wir unsere letzte Woche in Nepal damit, unsere weitere Reiseroute zu planen, unsere Sachen zu waschen und zu reparieren und vor allem die leeren Speicher mit Müsli, Joghurt, Milch, Brot, Käse, Schokokuchen und anderen Leckereien aufzufüllen, die wir jetzt seit über sieben Monate nicht mehr gegessen hatten!

Unser weiterer Weg führt uns jetzt mit dem Flugzeug nach Almaty, Kasachstan. Von dort auf kleinen Umwegen nach Kirgistan, wo wir meinen Papa treffen werden, der uns anschließend auf dem Pamir Highway durch Tajikistan begleiten wird. Nach mehr als einem halben Jahr in Süd(-ost-)asien freuen wir uns jetzt auf einen Wechsel. Wir freuen uns kühlere Temperaturen, hohe Berge, die Ruhe in den Weiten Zentralasiens und dass wir der Heimat wieder ein großes Stück näher kommen. Nach dem Pamir Highway ist Europa ist quasi nur noch einen Katzensprung entfernt!





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