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Türkei - Teil 1: Von Ostanatolien bis ans schwarze Meer

Wir fahren mit dem Fahrrad vom Berg Ararat in Ostanatolien durch bergige Landschaften quer durchs Land bis nach Kappadokien. Auf dem Weg dorthin sehen wir spektakuläre Berge, erleben die türkische Gastfreundschaft hautnah und übernachten bei Temperaturen bis -10°C. Außerdem erleben wir zwischen den Höhlenfelskegeln in Kappadokien den wohl spektakulärsten Sonnenaufgang unserer gesamten Reise.

Am Anfang eines jeden neuen Landes steht immer der Grenzübergang. Und der hält meistens einige Überraschungen bereit, so auch dieses Mal. Zunächst müssen wir unsere Räder komplett zerlegen, denn sie müssen durch den Gepäckscanner. Dann sind unsere Gewürzpäckchen aus dem Iran verdächtig. Das ganze Prozedere zieht sich ganz schön hin und am anderen Ende wartet auch noch einer der unfreundlichsten Grenzbeamten unserer ganzen Reise. Ich kann mir eine kleine Beleidigung auf Deutsch nicht verkneifen. Erst später fällt mir ein, dass in der Türkei wieder viele Leute Deutsch verstehen. Ein ganzes Jahr lang konnten wir sagen was wir wollten und niemand hat uns verstanden. Zum Glück auch dieses Mal noch. Die Grenze hinter uns gelassen fällt uns sofort die große Militärpräsenz auf. Überall nicht nur Soldaten mit Maschinengewehren sondern auch Panzer und anderes schweres Gerät.

Landschaftlich freuen wir uns über einen goldenen Herbst. Herrliches Wetter und überall bunte Blätter. Euphorisch fahren wir in die erste Stadt. Dort erwartet uns dann erst einmal wieder ein kleiner Kulturschock. Es ist laut, lebendig und ein großes Durcheinander. Es riecht überall nach Kebap, es fahren überall moderne Autos durch die Gegend und es gibt große Supermärkte. Vieles ist so ganz anders als im Iran. Was jedoch gleich geblieben ist, ist die Liebe zum Tee. Überall wird Tee getrunken, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und oft werden wir eingeladen. Wir können außerdem wieder Geld abheben und füllen unsere Vorräte auf, denn anschließend geht es auf super Straßen durch die hügelige Landschaft Ostanatoliens. Tagsüber bei herrlichem Wetter und 15°C läuft es einfach. Nachts sinkt das Thermometer teils in den zweistelligen Minusbereich. Da ist Daunenjacke im Schlafsack angesagt. Eine richtig kalte Nacht wird dem kleinen Kaktus von Jelli, den sie seit hunderten von Kilometern jetzt auf dem Lenker herumfährt, leider zum Verhängnis, er erfriert. Zu allem Ärger verabschiedet sich auch noch meine Isomatte, so dass wir nun beide mehr oder weniger am Boden schlafen. Jelenas hat schon seit Monaten ein nicht auffindbares Loch. Auch unsere Räder zeigen langsam Spuren der letzten Monate. Meine Ventile sind kaputt, d.h. jeden Tag mehrfach aufpumpen. Meine Gepäckträger sind vorne nun beidseitig gebrochen und meine Bremse musste repariert werden. Manchmal lästig, aber nichts was nicht Kabelbinder und Tape retten könnten!

Erzurum ist die erste große Stadt und wir freuen uns über einen guten türkischen Kaffee und schnelles Internet um Karten aufs Navi zu laden und mit meinen Eltern zu kommunizieren, die uns in einigen Wochen mit dem Wohnmobil entgegen kommen wollen.

Die Berge werden anschließend steiler und wir fahren zum Teil mehrere Stunden nur bergauf. Auch das Wetter macht es uns nicht einfacher. Regenwolken sind im Anmarsch und pünktlich am Gipfel des Passes fängt es zu Hageln an und wird so richtig ungemütlich. Dazu haben wir auch noch einen Platten. Ein Tag zum Vergessen... wären da nicht Alp und seine Familie gewesen. Wir hatten am Vorabend auf der anderen Flussseite übernachtet, weil der Platz einfach perfekt war. Am Morgen mussten wir dann wieder durchs Wasser zurück waten, direkt in die Arme von Alp und seiner Familie, die gerade eine Pause zum Frühstücken am Fluss eingelegt hatten und nicht schlecht staunten zwei barfüssige Radfahrer durch den Fluss laufen zu sehen. Der Sohn der Familie spricht sehr gut Englisch und wir unterhalten uns eine ganze Weile bevor wir den zweiten großen Pass angreifen.

Das Wetter bleibt regnerisch und offenbar erregen wir so viel Mitleid, dass uns mehrmals LKW-Fahrer mitnehmen wollen. Wir fahren weiterhin jeden Tag mehr als 100km und langsam brauchen unsere Beine dringend eine Pause. Unser Zwischenziel ist Kappadokien. Wir haben schon von anderen Radfahrern gehört, dass es ein absolutes Highlight sein soll. Und wir werden nicht enttäuscht. Bereits die erste Nacht ist ein echtes Highlight, mit einem Zeltplatz auf einem Felsen mit Blick über die Felslandschaft Kappadokiens, der nur getoppt wird von unserer zweiten Übernachtung in der Gegend. Wir suchen uns einen Platz direkt bei den Startplätzen der Heißluftballons, die hier vor allem im Sommer in großer Zahl die Touristen zum Sonnenaufgang durch die Schluchten steuern. Da schon Herbst ist, rechnen wir nicht damit dass überhaupt ein Ballon aufsteigt. Wir haben aber mal wieder unverschämtes Glück und erwischen vermutlich einen der letzten sonnigen und warmen Tage des Jahres und so werden wir mit einer der besten Frühstücksaussicht überhaupt belohnt. In erster Reihe sehen wir die Sonne aufgeben über den Felsenkaminen, in denen der Legende nach Feen wohnen, und im Hintergrund steigen unzählige Heißluftballons in allen Farben in den blauen Morgenhimmel. Ein faszinierender Anblick!


Nach einem ausgiebigen Frühstück verbringen wir unseren Ruhetag damit die Höhlen- und Felsenlandschaften zu erkunden. Man könnte hier auch ruhig mehrere Tage kreuz und quer durch die Gegend fahren. In den Städtchen und an den "Hot-Spots" sind selbst zu dieser Jahreszeit unfassbar viele Touristen unterwegs. Dazwischen findet man aber genauso schöne menschenleere Plätze. Trotz der vielen Touristen werden wir von Süleyman zu seiner kleinen Gartenhöhle eingeladen. Er spricht so gut wie kein Englisch, lässt es sich aber nicht nehmen uns zu Tee und Mittagessen einzuladen. Sein kleiner Enkel Ömer ist begeistert von unseren Rädern und seine beiden Töchter arbeiten im Garten. Stolz zeigt er uns die Höhle, die sein Großvater gegraben hat und mehrere Wohnräume, einen Lehmofen und ein Maischebecken in dem früher die Weintrauben mit Füßen gestampft wurden für die Weinherstellung. Wir sind mal wieder begeistert von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit und verbringen mehrere Stunden nur mit Teetrinken. Kurz vor Sonnenuntergang suchen wir uns dann noch einen Übernachtungsplatz in der Nähe, da wir am nächsten Morgen weiter in Richtung Ankara wollen.

Die Pannenserie reißt nicht ab. Fast täglich flicken wir Schläuche oder ersetzen gerissene Bremszüge. Der Rekord pro Tag liegt bei 4 unabhängigen Platten an einem Rad. Da hilft nur viel Schokolade...

Nach Ankara führen nur große Highways und es wird zunächst schwierig einen Übernachtungsplatz zu finden. Durch Zufall finden wir einen Stadtwald, der geradezu perfekt inmitten der Stadt liegt. Zum Abendessen überrascht uns auch noch ein neugieriger Fuchs. Hätte kaum besser laufen können! Am nächsten Tag rollen wir dann durch die Stadt und wundern uns schon über die vielen türkischen Flaggen überall. Es stellt sich heraus, dass wir tatsächlich pünktlich zum Türkischen Nationalfeiertag in der Hauptstadt gelandet sind. Erdogan höchstpersönlich hatte sich angekündigt. Wir sind aber viel zu müde vom vielen Fahren in den letzten Wochen und so sparen wir uns die extra Meter ins Stadtzentrum und fahren noch am selben Tag wieder weiter. In wenigen Tagen wollen wir meine Eltern am schwarzen Meer treffen. Bis dorthin stehen uns noch einige lange und hügelige Tage bevor. Spät abends mit den letzten Sonnenstrahlen schaffen wir es dann bis ans Meer und treffen meine Eltern zu einem herzlichen Wiedersehen im Wohnmobil. Die folgenden zwei Wochen verbringen wir mit viel Ausruhen, Sachen waschen und reparieren und alle zwei Tage fahren wir zwischen 50 und 80 km mit dem Rad weiter. Die Strecke am schwarzen Meer ist traumhaft schön. Kleine Sträßchen, um diese Jahreszeit keinerlei Touristen, dafür herrliche Strände und Steilküsten. Jelena schwimmt mit Delfinen im Meer, wir sehen Rochen und traumhaft klares Wasser. Aber auch ganz viel Müll und Straßenhunde. Die sind aber meist sehr friedlich und bewachen nachts Wohnmobil und Zelt. Langsam aber sicher nähern wir uns Istanbul. Dort wollen wir in wenigen Tagen zwei Freunde aus der Heimat treffen, die mit uns per Rad nach Thessaloniki fahren werden.

Die ruhigen Tage tun den Beinen und dem Kopf gut und wir freuen uns jetzt schon darauf zu viert nach Griechenland zu fahren. Hoffentlich bleibt das Wetter wie in den letzten Wochen, nämlich sonnig und warm. Ganz so wird es leider nicht werden, wie wir wenig später feststellen müssen. Unsere vorerst letzte Nacht mit Wohnmobilunterstützung verbringen wir mit Blick auf den neuen Flughafen Istanbul. Lisa und Duni kommen spät nachts um halb 12 am Flughafen an. Wir beschließen sie gleich mit dem Rad abzuholen, was sich als ganz schön abenteuerlich herausstellen sollte. Bei Nieselregen, mitten in der Nacht, auf einem vierspurigen Highway werden wir kurz vor Ankunft am Wohnmobil von 10 heißblütigen Straßenhunden verfolgt. Ein kleiner Vorgeschmack für unsere beiden Mitfahrer auf die Abenteuer der nächsten drei Wochen.

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