• jelena.mirco

Tajikistan - Auf dem Dach der Welt

Updated: Jan 15

Mit dem Fahrrad fahren wir durch Tajikistan. 1500km von Osh in Kirgistan an die Grenze und über die zweithöchste Straße der Welt, dem Pamir- Highway bis in die Hauptstadt Dushanbe. Wir kommen so hoch hinaus wie nie zu vor in unserem Leben auf einem Fahrrad. Die Straßen fordern ihren Tribut an unseren Rädern und wir legen den wohl härtesten und landschaftlich spektakulärsten Part unserer Reise zurück. Mehrere Tage ohne Zivilisation, auf Höhen um 4000m, Straßen die ihren Namen nicht verdient haben und ein Wind der uns sogar mit unsere 50kg schweren Reiserädern von der Straße weht. Es bricht ein Sattel und ein Zahn, es zerreißt einen Reifen und einmal mehr machen uns körperliche Probleme das Leben schwer. Dabei sind wir zum ersten Mal zu dritt unterwegs. (geschrieben von Mirco)



Vor einem knappen Jahr wussten wir noch nicht mal wo wir auf der Landkarte suchen sollten um das Land zu finden. Vergessen werden wir es jedenfalls nicht mehr! So extreme Landschaften wie im Pamir haben wir noch nicht in unserem Leben zuvor gesehen. Spektakulär und trotzdem lebensfeindlich. Auf über 4000m wächst kein Baum, es ist trocken, die Sonne brennt unbarmherzig und es weht ein permanenter, fast unerträglich starker Wind. Wir sind unglaublich beeindruckt und trotzdem froh und stolz diesen Part geschafft zu haben und wieder grüne Täler im Südwesten von Tajikistan zu sehen. Aber von vorne.


Der Weg von Osh an die Grenze - mittags heiß, abends nass

Nach einigen erholsamen Tagen in Osh geht es mir nun deutlich besser. Die Ergebnisse der Test aus dem Krankenhaus haben gezeigt, dass keinerlei (gute) Bakterien in meinem Darm die Antibiotika-Kur in Indien überlebt haben. Das war offensichtlich auch der Grund warum es mir alle paar Tage in den letzten Monaten schlecht ging. Am Ende ging es so sehr an die Substanz und vor allem die Nerven, dass wir ernsthaft überlegt haben die Reise abzubrechen. Mit viel Gemüse, wenig bis keinem Zucker und unterstützenden Probiotika in Form von Tabletten und Kefir scheint mir die Pause in Osh sehr gut getan zu haben und so starten wir Anfang August in Richtung Grenze zu Tajikistan und den Pamir.



Die ersten Tage ist es noch sehr heiß mit über 35° und abendlichen Gewittern. Es geht von Osh bis zur Grenze konstant bergauf von knapp 900 m ü. d. M. auf über 4000 m ü. d. M. Die Straße ist perfekt geteert und wir kommen konstant und zügig voran. Insgesamt brauchen wir fünf Tage bis zum Grenzübergang. Genug Zeit zum Akklimatisieren für meinen Papa. Der Pamir Highway ist von dieser Seite deutlich schwerer zu fahren als umgekehrt, da es direkt auf über 4000 m geht und der Wind vermeintlich meist von vorne kommt. Mein Papa wird uns die gesamten 1500 km über den Pamir bis nach Dushanbe begleiten. Zu diesem Moment weiß er noch nicht auf was er sich da wirklich eingelassen hat. Vier Wochen später würde er das Ganze laut eigener Aussage "selbst für 10000 € nicht nochmal machen!".

Wir müssen schon jetzt die Räder mit Essen für einige Tage beladen, da die Ortschaften immer weniger werden auf unserem Weg Richtung Grenze. Auch meine Diät muss nach einem anfänglichen Versuch gebrochen werden. Mit 50 kg schwerem Fahrrad, mehrere Tage bergauf auf über 4000 m, ohne Zucker - ohne mich. In der letzten größeren Siedlung in Kirgistan, Sary Tash, füllen wir nochmal unsere Taschen und bereiten uns auf den finalen Anstieg zur Grenze und zur Pamirhochebene. Die schneebedeckten Berge im Hintergrund lassen bereits erahnen was da auf uns zu kommt. Wir zelten noch einmal etwa 8 km vor der Grenze, doch schon hier wird es schwerer Wasser zu finden. So gewöhnen wir uns daraan, jeden Morgen einige Liter Wasser auf Vorrat zu filtern. Unsere Filter müssen dabei Schwerstarbeit leisten, da wir zum Teil nur Flüsse finden die sämtlichen Sand und Schlamm aus den Bergen transportieren. Immer wieder faszinierend, wie aus braunem, schlammigem Wasser, glasklares Trinkwasser wird. Bei einem Produkt das im Laden ca. 20€ kostet (in der Produktion sicherlich nicht mal die Hälfte) unbegreiflich, dass es immer noch knapp zwei Milliarden Menschen auf der Welt ohne dauerhaften Zugang zu sauberem Trinkwasser gibt (Quelle: Weltwasserbericht der UN, 2019).



Der Grenzübergang ist eine Besonderheit, da zwischen den beiden Grenzposten von Kirgistan und Tajikistan 20 km absolutes Niemandsland liegen. Der Grenzübertritt ist auf beiden Seiten absolut problemlos und wir werden herzlich von den Grenzbeamten in Tajikistan willkommen geheißen. Der Grenzübergang liegt auf ca. 4200 m. Seitdem wir in Sary Tash abgebogen sind, gibt es kaum mehr Verkehr auf der Straße. Hier kommen eigentlich nur Touristen vorbei, die den Pamir-Highway fahren wollen. D.h. wir sehen nur ca. 5-10 Autos täglich. Die nächste größere Siedlung ist noch drei Tage entfernt. Hier oben ist man wirklich auf sich gestellt. Supermarkt, Tankstelle, Ersatzteile fürs Fahrrad - Fehlanzeige. Alles muss selbst mitgebracht werden und im Zweifelsfall auch selbst repariert werden können. Wir treffen hier oben aber auch mehr Radfahrer als in den letzten 9 Monaten zusammen. Fast jeder Langzeit-Radler hat mittlerweile den Pamir auf seiner Route und viele kommen extra wegen diesen 1500 km auf dem "Dach der Welt", wie man auch zum Pamir sagt, hier her. Entgegenkommende Radfahrer sind für uns die beste Informationsquelle: Wo gibt es Wasser? Wo einen windgeschützten Zeltplatz? Wo kann man Essen kaufen? Alles Fragen, die keine Landkarte ausreichend beantworten kann.


Kein Wunder, dass dieses Land und speziell diese Straße immer mehr Radfahrer, Motorradfahrer und Abenteurer anzieht. Die extremen und spektakulären Landschaften übertreffen alles was wir bisher gesehen haben. Trocken, staubig, unwirklich und lebensfeindlich auf der einen und bunt, spektakulär und atemberaubend (auf über 4000 m buchstäblich!) auf der anderen Seite. Der Weg zum Karakul See auf 3900 m lässt uns immer wieder staunend anhalten. Ein tiefblauer See inmitten von Bergen in allen Farben, von schneeweißen Gipfeln zu roten, grünen, braunen und weißen Gesteinsschichten. Dieses 360° Panorama kann kein Foto der Welt einfangen.



Doch leider ist nicht nur die Landschaft überwältigend. Jelli geht es seit einigen Tagen immer schlechter. Während meine Magen-Darm-Probleme scheinbar verschwunden sind, kämpft sie nun täglich damit. Was der Auslöser ist, werden wir einige Wochen später herausfinden.

In der Ortschaft Karakol können wir bei einer sehr netten Frau etwas Gemüse kaufen. Leider haben wir hier auch einige unschöne Begegnungen. So wirft mir ein kleiner Junge aus heiterem Himmel eine leere Cola-Dose an den Kopf. Als ich mich nochmal umdrehe, hat er sogar einen faustgroßen Stein in der Hand. Immer wieder sind wir traurig über das Verhalten einiger Kinder. Schon in Kirgistan kamen viele auf uns zu und verlangten Schokolade oder Geld von uns. Dabei haben sie aber nicht wie beispielsweise in Nepal gebettelt und zurückhaltend gefragt, sondern waren sehr fordernd und wurden zum Teil richtig sauer weil sie nichts bekommen haben. Das obwohl sie augenscheinlich nicht aufs Betteln angewiesen waren. So sehen wir auch in Tajikistan zwei Seiten von Gastfreundschaft. Zum einen unglaublich herzliche Menschen, die uns einfach so etwas zu Essen geben, obwohl sie selbst gerade erst vom Markt kommen. Einfach weil sie uns in Tajikistan willkommen heißen wollen. Zum anderen Menschen, die offensichtlich nur noch den (vermeintlich prall gefüllten) Geldbeutel der Touristen sehen.


Nur wenige Meter entfernt hinter dem Zaun: China

Nach Karakol steht für uns der höchste Pass unserer Reise an: der Ak-Baital auf 4655 m ü. NN. Die Luft wird immer dünner. Schuhe binden, lachen, selbst essen raubt einem den Atem. Dazu bringt Schlaf auf einer solchen Höhe kaum Erholung für den Körper. Wasser kocht auf 4000 m bereits bei ca. 85°, was zur Folge hat dass der morgendliche Kaffee sehr bescheiden schmeckt und Reis, Nudeln und Kartoffeln ewig brauchen bis sie essbar werden. Das kulinarische Angebot ist sowieso sehr beschränkt. Zum Frühstück gibt es eingeweichten Buchweizen mit Keksen, Mittags entweder Reis und ein paar dünnen Karotten oder Kohl oder Linsen. Abends das Gleiche. Dazu brauchen wir jeden Tag etwa 1-2 Stunden insgesamt um unser Trinkwasser zu filtern. Was uns außerdem zu schaffen macht ist die Sonne. Auf einer Strecke von 300 km zählen wir genau einen Baum (eher ein Bäumchen). Nirgends gibt es Schatten. Die Temperaturen sind zwar angenehm, aber die UV-Strahlung heftig. Sonnenbrand auf Nase und aufgeplatzte Lippen trotz mehrmaligen täglichem Einkremen fast unvermeidbar. Wir fahren hunderte Kilometer direkt an der chinesischen Grenze entlang. Überall kreuzen fette, rote Murmeltiere unseren Weg. Die letzten 70 km nach Murghab gehen zwar bergab, heftiger Gegenwind lassen sie aber länger werden als gedacht. Wir fahren zum Teil bergab nur mit 10km/h trotz großem Krafteinsatz. Wir freuen wir uns endlich in Murghab am Bazar unsere Vorräte auffüllen zu können.


Auf dem Dach unserer Tour (bzw. daneben, da das Passschild komischerweise einige Kilometer vor dem Pass steht)

In Murghab angekommen, können wir auch zum ersten Mal Geld wechseln. Am Bazar finden wir alles notwenige und es gibt neben Obst und etwas Gemüse, frisches tajikisches Fladenbrot mit sogar Käse zum Mittagessen. Jellis Bauch macht leider immer mehr Probleme und neben Bauchkrämpfen und wenig Kraft, plagt sie nun auch noch heftige Übelkeit. Es ist bekannt, dass viele Reisende in Tajikistan früher oder später krank werden. So erwischt es auch meinen Papa (laut eigener Aussage einen Tag zuvor, der erste Mensch der den Pamir gesund übersteht. Zitat: "Saumagen!"). Auch er kämpft die folgenden Tage mit Übelkeit. Mir dagegen geht es ironischerweise so gut wie seit Monaten nicht mehr. Nach einem etwas ruhigerem Tag, zelten wir nur wenige Kilometer nach der Stadt. Trotz der lebensfeindlichen Umgebung gibt es tausende von Moskitos in der Nähe der wenigen Gewässer. So müssen wir weit weg vom Fluss übernachten. Aber dafür gibt es auch erstaunlich viele Schmetterlinge und am Abend läuft tatsächlich auch noch ein Fuchs an unseren Zelten vorbei.


Inmitten der spektakulären Landschaften fühlen wir uns winzig klein

Bis in die nächste Stadt, in der wir wieder etwas zu Essen kaufen können, sind es etwa vier Tage. Dazwischen liegt ein weiterer Pass auf 4300 m ü. NN. Es wird noch trockener und wir müssen an einem Abend unfreiwillig noch etwa 20 km dran hängen bis wir etwas Wasser finden. Der Wind bläst uns mit gewaltiger Kraft ins Gesicht und es beginnt auch noch zu Nieseln. Ein Gewitter ist im Anmarsch. Die Nerven liegen da schon blank. Glücklicherweise finden wir bald ein verlassenes Haus in dessen Windschatten wir unser Zelt für die Nacht aufbauen können. Leider ist die nächste Wasserquelle einige Kilometer entfernt und nur zu Fuß zu erreichen. Nach einem langen und anstrengenden Radfahrtag sind wir am Ende mal wieder froh uns in unseren Schlafsack zu wickeln, mit der Aussicht auf einen Ruhetag in der Nähe von Alichur. Diesen verbringen wir in einer alten Ruine, geschützt vor Wind und Sonne. Für Jelli und meinen Papa war die körperliche Erholung längst überfällig. Aber auch der Kopf wird langsam müde aufgrund der täglichen Strapazen.




Drei Platten an einem Tag sind mindestens zwei zu viele.

In Alichur gibt es ein paar kleine spärlich gefüllte Läden und wir füllen unsere Vorräte mit Reis und Keksen wieder auf. Eine nette Frau schenkt uns einige Karotten und Zwiebeln. Gemüse ist hier sehr wertvoll, da alles auf die Höhe geschafft werden muss. Hier oben leben nur wenige Menschen, unter kargen Bedingungen. Die weissen Häuser sind aus Lehm und Stroh gebaut, geheizt wird mit getrocknetem Kuhdung. Außer den wenigen Touristen haben die Menschen kaum echte Einnahmequellen. Sie besitzen meist nur einige wenige Schafe oder Kühe. Mit gefüllten Taschen beschließen wir einen kleinen Umweg zu zwei Seen im Gebirge zu fahren. Die Straße dorthin ist eine richtige, sandige Wellblechpiste. Körperlich gezeichnet gibt uns die Straße auch mental den Rest. Die Ausblicke am See entschädigen ein wenig für die Anstrengungen. Zurück am Highway fordert die Straße dann auch am Material ihren Tribut. Jellis Reifen zereist es förmlich.

Notdürftige Reparatur am Straßenrand.

Zu diesem Zeitpunkt sind es noch ca. 120 km bis nach Khorugh, der ersten größeren Stadt in der wir möglicherweise Ersatz finden können. Wir versuchen ein Stück LKW Reifen vom Straßenrand von innen in den Reifen zu kleben. Die erste notdürftige Reparatur hält ca. 60 km bis der Schlauch wieder explodiert. Der zweite Reparaturversuch hält anschließend bis in die Stadt. Ein kleines Stück Plastik von innen fixiert mit Tape und ein alter LKW Schlauch vom Straßenrand von außen machen ihren Dienst. Wir müssen dazu die Vorderradbremse abmontieren. Es geht also auch bergab wieder nur sehr langsam voran. Dazu wird der Wind nochmal eine Stufe heftiger. Uns erfassen Böen, die uns selbst mit den schweren Rädern einmal auf die andere Straßenseite befördern. Eine Böe führt sogar dazu, dass mein Papa plötzlich in die falsche Richtung fährt. Die Böe hat sein Vorderrad erfasst und ihn ohne Vorderrad-Packtaschen quasi einmal um 180° gedreht. Es sind einige der heftigstens Radfahrtage unserer gesamten Reise bisher. Umso erstaunlicher, wie gut mein Papa mit seinen 60 jungen Jahren körperlich durchhält. Mental hat der Pamir aber sicherlich seine Spuren hinterlassen und so freut er sich und wir uns auf den Ruhetag in Khorugh.

Aber vorher steht noch ein 4270 m hoher Pass mit brutal schlechter Straße und heftigem Wind an. Wir kommen nur mit ca. 3-5 km/h bergauf voran. Ein letztes Mal übernachten wir auf über 4000 m mit direktem Blick auf die umliegenden Gletscher. Zum Frühstück besuchen uns zwei Hirtenhunde und wir genießen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Nachts wird es zum Teil empfindlich kalt. Obwohl wir sagen müssen das wir echt Glück mit dem Wetter haben. Die Abfahrt vom Pass ist zwar bald asphaltiert, der Wind ist aber nach wie vor sehr stark und wir kommen nur sehr langsam voran. Dafür wird die Landschaft endlich wieder grüner. Offenbar ist das Tal sehr fruchtbar, überall wird Mais, Getreide und Gemüse angebaut. Es gibt Obstbäume und die Leute hier führen offensichtlich ein deutlich leichteres Leben als oben auf der Hochebene, wo praktisch nichts wächst.



Das Leben pulsiert im Tal in Richtung Khorugh förmlich. Es gibt wieder Märkte auf denen Obst und Gemüse angeboten wird. Die Menschen sind unglaublich freundlich und winken uns überall entgegen. Aber der Pamir wäre nicht der Pamir, wenn er nicht wieder einige Überraschungen für uns bereithalten würde. Unser Benzin geht langsam aus. Ohne Benzin können wir nicht mehr Kochen. Die ersten drei Tankstellen sind allesamt leer und bekommen erst in einigen Tagen wieder neuen Treibstoff und so helfen uns am Ende einige entgegenkommende Radfahrer mit einem Schluck Benzin aus. Dazu reißt meine Kette an einem kurzen Anstieg. Kurzerhand wird die alte Kette, die in Bangkok nach 5000km getauscht worden war, wieder montiert. Funktioniert zum Glück einwandfrei. Die muss mich jetzt aber bis nach Hause bringen! Jelli bricht noch ein Stück ihres Zahnes ab. Mal sehen, ob wir das in diesem Land reparieren lassen können oder ob sie sich auch einen Goldzahn zulegen muss.

So rollen wir mit unseren Rädern und sichtlich gezeichnet in Khorugh ein und gönnen uns einen Ruhetag mit viel Kaffee und sogar einer Pizza am Abend.

Auf dem bunten Markt finden wir auch noch einen passenden Reifen, frisches Obst und Gemüse, Käse und riessiges ofenfrisches Fladenbrot, wir können noch zusehen wie es fertig wird und es duftet wunderbar. Auf einer Parkbank machen wir erstmal Mittag und stopfen unsere Mägen voll. Gerade als wir uns die Bäuche vollgeschlagen hatten, kommen plötzlich drei grinsende ältere Männer um die Ecke mit einem ganzen Tablett voll Plov, Salat und Brot in der Hand. Diese Einladung können wir natürlich nicht abschlagen und so wären wir im Anschluss auch ohne Räder Richtung Hostel gerollt. Als ich das Tablett zurück bringe und anbiete eine Kleinigkeit für die Leckereien zu bezahlen, ernte ich nur ein Gelächter und empörte Gesichter. Natürlich darf ich nicht bezahlen. "Welcome to Tajikistan!" Immer wieder erstaunt uns diese grenzenlose Gastfreundschaft.



Wir genießen den Ruhetag und machen uns erholt und mit frischer Motivation auf den Weg nach Qualai Kumb. Von jetzt an führt unser Weg direkt an der Grenze zu Afghanistan entlang. Tajikistan und Afghanistan trennt hier nur der Panj Fluss. Menschen winken uns am Straßenrand und von der anderen Flussseite, Bauarbeiter ziehen buchstäblich ihren Hut als Zeichen des Respekts. Überall ist Militär zu sehen, aber auch die Soldaten grüßen uns immer freundlich, selbst mitten in der Nacht vor unserem Zelt. Das Tal ist spektakulär, grün und wunderschön, die Straße wird leider immer schlechter. Die letzten 100 km nach Qualai Kumb kommen wir zum Teil nur im Schritttempo voran. Von dort gibt es dann zwei Möglichkeiten: flach, auf herrlichem Asphalt, aber gute 100 km länger und vermeintlich langweiliger in die Hauptstadt Dushanbe rollen, oder die Nordroute wählen mit ca. 5000 hm und noch einem Pass über 3200 m ü. NN. auf schlimmsten Straßen, dafür grandiosen Ausblicken. Klar welche Route wir wählen. Der Pass stellt sich als harte Nuss heraus, mit über 2000 hm am Stück. Die Straße ist zum Teil so steil und schlecht, dass jeder Meter zur Herausforderung wird. Wir übernachten kurz unterhalb der Passhöhe und sehen am nächsten Morgen zum ersten Mal wie ein Minenfeld geräumt wird. Überall stehen Warnschilder am Straßenrand. Die Straße wird bergab noch schlechter. Die letzten Tage nach Dushanbe ziehen sich wie Kaugummi. Wie sehnen uns alle drei nur noch nach einigen ruhigen Tagen und etwas Erholung. Noch dazu finden wir endlich den Grund heraus für Jellis Unwohlsein die ganze Zeit über. Sie hat sich einen Parasiten eingefangen. Ein ca. 20 cm langer weißer Wurm kommt eines Morgens zum Vorschein (ein Foto ersparen wir euch hier)! Unglaublich die Vorstellung die ganze Zeit einen blinden Passagier im Darm transportiert zu haben. Es handelt sich scheinbar um einen Spulwurm. Und erstaunlicherweise ist ca. ein Viertel der Weltbevölkerung mit diesen ungebetenen Gästen infiziert. Wenn man dann aber mal nachliest, wo dieser Parasit überall im Körper umherwandert bevor er im Darm landet, kann es einem schon etwas anders werden. Die gute Nachricht: mit Medikamenten sollte das Problem relativ schnell beseitigt sein.


Nur wenige Meter entfernt auf der anderen Flussseite: Afghanistan.

So rollen wir auf dem Zahnfleisch die letzten Meter nach Dushanbe und suchen uns ein Hostel (mit Klimaanlage!) um unsere Wunden zu lecken. Langweilig wird uns trotzdem nicht. Wir müssen mit Jelli zum Arzt für ein Rezept, die beiden Visa für Iran und Turmenistan beantragen und eigentlich auch noch zum Zahnarzt. Auch Jellis Sattel hat an drei Stellen gleichzeitig kapituliert und ein zweiter neuer Reifen ist auf fällig. Der Pamir hat unübersehbar seine Spuren hinterlassen.

Abgesehen von diesen unausweichlichen Ausflügen in die Stadt, verlassen wir das Hostel und unser Bett eher selten. Akkus aufladen ist angesagt. Mittlerweile haben wir die beiden Visas auch in unseren Taschen, mein Papa fliegt in zwei Tagen zurück nach Deutschland und wir nehmen den Umweg über Uzbekistan, Turkmenistan und den Iran nach Europa. Gute 7000 bis 8000 km, je nach route, trennen uns noch von zu Hause. Wenn alles glatt läuft kommen wir vermutlich zu den letzten Plätzchen und Lebkuchen heim. Aber wer weiß was bis dahin alles noch passiert. Wenns nach uns geht könnte es jetzt erstmal ein bißchen weniger spannend zugehen.


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