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Turkmenistan - Skurril, flach und heiß

Wir fahren mit dem Fahrrad von Turkmenabat einmal quer durch Turkmenistan nach Sarahs und von dort in den Iran. Für die rund 500km haben wir genau 5 Tage Zeit. Mehr als ein Transitvisum gibt es in der Regel nicht für Reisende in diesem Land. Und selbst das wurde bis vor einigen Jahren vollkommen willkürlich und ohne erkenntlichen Grund in vielen Fällen abgelehnt. Wir haben eines bekommen, schon in Tajikistan haben wir es in der Botschaft abgeholt. Zumindest glauben wir das, so lange bis wir vor zwei unnachgiebigen Grenzbeamten stehen. (geschrieben von Mirco)


So ziemlich das Spannendste was uns in Turkmenistan passiert ist... eine Herde Kamele in der Wüste.

Turkmenistan unterscheidet sich stark von allen Ländern die wir kennen, so viel ist uns schon vorher klar. Wir haben bisher kaum wirklich positive Erfahrungsberichte über das Land gehört. Die positivsten berichteten von einer problemlosen Durchreise. Wirklich begeistert war niemand der durch das Land gereist war.

Bis vor einigen Jahren wurden die große Mehrheit der Visumsanträge sowieso ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Dabei gab es keine Regel, stattdessen wurden willkürlich Anträge abgelehnt oder angenommen, ganz egal von wo aus man ein Visum beantragte. In den letzten beiden Jahren schien sich das Land etwas zu öffnen. Immer häufiger lesen und hören wir von erfolgreichen Visaanträgen. Mehr als fünf Tage zur Durchreise bekommen allerdings nach wie vor nur die wenigsten. Das Problem an der ganzen Sache ist, dass das Land schlichtweg „im Weg“ liegt. Will man von Zentralasien in den Iran oder umgekehrt, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man bekommt ein Transitvisum und fährt durch Turkmenistan oder man nimmt eine Fähre übers Kaspische Meer nach Azerbaidschan. Letzteres würde einen Umweg von gut 2000km bedeuten und uns durch menschenleeres Wüstengebiet im Osten von Uzbekistan führen. Dazu gibt es keinen festen Zeitplan für die Fähren. Wartezeiten von bis zu 10 Tagen sind die Regel. Die Fähren selbst sind eigentlich mehr Frachtschiffe und meist alles andere als hochseetauglich. Nach einem Schiffsunglück vor einigen Jahren war die einzige Maßnahme die Sicherheit zu erhöhen, nur noch eine begrenzte Anzahl an Passagieren mit an Bord zu nehmen.

Kein Wunder also, dass Möglichkeit 2 für uns schon wegen des Umwegs nicht in Frage kam, zumal wir gerne den langen Weg durch den Iran fahren würden. Wir verdrängen erfolgreich die Gedanken daran, dass uns der Zutritt nach Turkmenistan verwehrt werden könnte. In Dushanbe haben wir eine Bestätigung über unseren Visumsantrag erhalten mit einem handschriftlichen Code darauf. Mit Hilfe dieses Codes sollten wir vor Ort unser Visum in den Pass geklebt bekommen. Sollten…

Wir fahren früh morgens an die Grenze, damit wir nach Möglichkeit unsere vollen fünf Tage Visum ausnutzen können, was sowieso schon Etappen von mehr als 100km täglich erfordert. Die Ausreise aus Usbekistan verläuft problemlos. Normalerweise hätten wir uns dort jeden Tag bei der Polizei oder im Hotel registrieren müssen. Da wir allerdings jede Nacht im Zelt verbracht haben, hatten wir keine einzige Registrierung vorzuweisen. Wir wurden zum Glück nicht danach gefragt, scheinbar sehen die usbekischen Beamten das Ganze nicht mehr so eng.

Einige hundert Meter weiter erwartet uns dann eine ernüchternde Überraschung. Wir treffen noch am Vorposten der Grenze die schweizer Familie mit ihren drei kleinen Kindern, die zeitgleich in Duschanbe in der turkmenischen Botschaft das gleiche Visum beantragt hatten, wieder. Die Geschichte die sie uns erzählen, versetzt unserem Optimismus allerdings einen gehörigen Dämpfer. Seit fast einer Woche versuchen sie ins Land zu kommen und jeden Tag werden sie abgewiesen. Begründung Fehlanzeige. Mehrere Nächte haben sie schon im „Niemandsland“ zwischen Uzbekistan und Turkmenistan verbracht, alles ohne Erfolg.

Inständig hoffen wir, dass es bei uns anders laufen wird. Ein Umweg von 2000km mit dem Fahrrad würde unseren kompletten Plan über den Haufen werfen und bis Weihnachten zu Hause zu sein könnten wir vergessen. Dann die Ernüchterung. Wir sehen nur die gekreuzten Arme des Beamten, auch uns wird der Zutritt verweigert. Die Grenzbeamten sprechen kein Wort Englisch. Aber ihre Handgesten sind unmissverständlich. Kein Visum für uns, kein Durchkommen. Kein Bitten und Betteln hilft. Ich versuche ihnen unsere Alternative, die keine ist, zu erklären. Nichts zu machen. Nach minutenlangen Erklärungsversuchen nimmt er zumindest unsere Zettel entgegen. Die Schweizer haben dagegen jegliche Hoffnung verloren und machen sich mit ihrem Camper auf den Rückweg nach Uzbekistan, zum dritten Mal innerhalb einer Woche reisen sie dort aus und wieder ein. Wir hadern mit unserem Schicksal und versuchen uns irgendwie mit dem Gedanken anzufreunden für zwei Wochen durch die Wüste Uzbekistans zur Fähre zu fahren. Aber es klappt nicht. Wir haben einfach keine Lust mehr. Genug gequält in den letzten Wochen. Wir streiken und setzen uns in den Schatten neben dem Grenzhäuschen. Essen erst mal eine der Wassermelonen, die wir am Vortag geschenkt bekommen haben und weigern uns zu gehen. Mehr als Abwarten und Hoffen können wir nicht tun. So vergehen mehr als vier Stunden, bis der Grenzbeamte ein letztes Mal zu uns kommt und uns unmissverständlich klar macht, dass es keinen Sinn hat zu warten. ‚No Visa‘, sind seine Worte, es gibt kein Visum für uns. Wir sind am Boden zerstört und verdammt sauer. Zehn Minuten wollen wir noch warten und zumindest unsere Antragszettel wollen wir wiederhaben. Statt dieser bekommen wir nach einigen Minuten dann plötzlich ein Daumen-hoch vom jungen Grenzbeamten. Meint er damit dass unsere Anträge wieder hier sind und wir endlich gehen können? Statt unserer Zettel mit Code bekommen wir zwei andere Dokumente ausgehändigt. Wir stehen nur verwundert da und können gar nicht begreifen was gerade passiert. Und tatsächlich, wir dürfen weiter!

Am eigentlichen Grenzübergang dauert es dann noch einmal gut zwei Stunden bis wir unser Visum endlich im Pass haben. Der Grund: Mittagspause. Es ist mittlerweile halb vier am Nachmittag. Damit ist von unseren fünf Tagen Transitvisum der erste bereits fast vorbei. Völlig entnervt von so viel Bürokratie und gleichzeitig einfach nur froh endlich weiter zu dürfen fahren wir die ersten Kilometer in Richtung Turkmenabat, der einzigen großen Stadt bevor uns knapp 300km Wüste bevorstehen. Bereits an der Grenze mussten wir ca. 10mal unseren Pass vorzeigen. Auch kurz vor der Stadt, keine 10km von der Grenze entfernt, wieder eine Passkontrolle. Polizei ist in diesem Land omnipräsent. Alle paar Kilometer werden Autos von Polizisten angehalten und kontrolliert. Häufig beobachten wir wie bei diesen Kontrollen einige Geldscheine unter der Hand den Besitzer wechseln. Wir fühlen uns alles andere als wohl, obwohl alle Beamten bisher sehr nett zu uns waren. Turkmenistan ist ein Polizeistaat, in dem die Bewohner unter ständiger Überwachung leben. Und das ist ihnen deutlich anzumerken. Es ist ein harter Schnitt im Vergleich zu Usbekistan, wo uns fast ausnahmslos jeder und jede am Straßenrand zugewunken oder zumindest angelächelt hatte. Hier winken die wenigsten. Auch in der Stadt am Markt, wo wir unsere Taschen mit Vorräten füllen, trauen sich nur einige wenige zu uns um sich mit uns zu unterhalten. Beobachtet werden wir trotzdem von allen. Es wird schon dunkel als wir die Stadt verlassen. Unsere Taschen sind brechend voll mit Essen und vor allem Wasser, da wir nicht wissen wann wir unsere Flaschen wieder auffüllen können. Wir schaffen nur gut 30km am ersten Tag. Bleiben uns also noch mindestens 470km für vier Tage. Sollte normalerweise klappen, aber schief gehen darf nichts. Und gleich der folgende Tag bringt uns an den Rand der Verzweiflung.

Es ist ab Mittag brutal heiß. Der Highway ist zwar gut ausgebaut, aber wir kommen trotzdem kaum voran. Der Grund ist heftiger Gegenwind. Wir beschließen uns irgendwo in den Schatten zu legen und zur Not in die Nacht weiter zu fahren. Leider gibt es keinen einzigen Baum weit und breit, der Schatten spenden würde. Auf einem kleinen Friedhof finden wir glücklicherweise ein Dach und warten bis die Sonne etwas erträglicher wird. Kurz vor Sonnenuntergang gibt es dann noch eine schöne Überraschung. Die schweizer Familie, die gestern noch enttäuscht nach Usbekistan zurückfahren musste, überholt uns am Highway. Eine Email an den Turkmenischen Konsul in Genf hat für sie letztlich die Tür ins Land geöffnet. Wir können nur zu gut ihre Gefühlslage der letzten Tage verstehen und freuen uns jetzt umso mehr mit ihnen.



120 km stehen am Ende des Tages auf dem Tacho. Wenn das so weiter geht wird es eng, rechtzeitig an der Grenze zu sein. Zum Glück sind die folgenden Tage nicht ganz so windig und so fahren wir zum Teil über 150km. Aufregendes passiert dabei wenig. Eigentlich dreht sich den ganzen Tag alles nur darum, wo wir wieder Wasser bekommen oder eine der zahlreichen Wassermelonen, die für uns definitiv ein Highlight in diesem Land sind.

Das spannendste ist eine Herde freilaufender Kamele, die sich neben der Straße durchs Gestrüpp frisst. Ein spannender Moment diesen großen Tieren in freier Wildbahn so nahe zu kommen!



Die vielen Polizeikontrollen am Wegrand bereiten uns immer noch ein komisches Gefühl im Bauch. Irgendwie fühlt man sich ständig beobachtet. Der Vorteil der vielen Kontrollen ist, dass wir zur Not immer etwas Wasser bekommen können. Eine skurrile Begegnung mit zwei Polizisten haben wir dann doch noch. Kurz vor Sonnenuntergang durchfahren wir ein kleines Städtchen und werden von zwei Polizisten heran gewunken. Zuerst denken wir sie wollen nur unsere Pässe kontrollieren. Die wollen sie aber gar nicht sehen. Stattdessen telefoniert der Dickere von den Beiden ständig, ohne mir eines Blickes zu würdigen. Ohne die Sprache zu beherrschen verstehe ich schnell, dass er dabei von uns redet. Es dauert gute 10 Minuten, in denen ich keinen Schimmer habe was er nun endlich von uns will. Dabei ist es schon fast dunkel, langsam werde ich sauer und ungeduldig. Er fragt uns wo wir schlafen. Da ich keine Lust auf Diskussionen habe, sage ich im nächsten Dorf, welches noch gut 100km entfernt ist. Ungläubig schaut er mich an und meint es wird dunkel und er hätte ein Hotel für uns. Jetzt erst verstehe ich, was das Ganze soll. Er will schlicht und einfach eine Provision dafür bekommen, dass er uns ins nächste Hotel bringt. Ohne seine endlose Telefoniererei wären wir längst aus der Stadt und hätten einen schönen Zeltplatz in der Wüste gefunden. Sauer drehe ich mich um und wir fahren ohne weitere Diskussion davon. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass wir die beiden nicht zum letzten Mal gesehen haben, wäre ich vielleicht etwas freundlicher gewesen…

Über 100km später am nächsten Tag hält dann plötzlich ein Auto am Straßenrand, als wir einige Meter weiter im Schatten eines Hauses eine der vielen saftigen Wassermelonen essen.

Der Fahrer winkt mich heran und als ich bemerke, dass unsere beiden Freunde vom Vortag in dem Wagen sitzen, beschleicht mich ein komisches Gefühl. Wieder fragt er mich wo wir denn geschlafen hätten und wo wir heute schlafen. Da sie kaum Englisch verstehen, erzähle ich ihnen die Story vom wilden Pferd und nenne einfach eine Stadt wieder knapp 100km entfernt. Ich weiß, dass sie uns weder zwingen können in einem Hotel zu übernachten, noch uns sonst irgendwie „belangen“ können. Trotzdem bleibt ein komisches Gefühl im Bauch zurück, als sie weiterfahren.

Wir können es kaum erwarten endlich wieder draußen zu sein aus diesem verrückten Land, das äußerlich sehr den Bildern ähnelt, die man aus der ehemaligen DDR aus dem Fernsehen kennt. Überall protzige Staatsbauten, Fahnen und das allgegenwärtige Gesicht des ehemaligen Diktators des Landes. Dieser hatte zu Lebzeiten einen solchen Führerkult erschaffen, dass selbst sein nordkoreanischer Amtskollege neidisch auf ihn sein musste. Er nannte sich selbst Turkmenbashi (Vater aller Turkmenen), benannte Städte nach sich selbst und lies unter anderem eine 15m hohe vergoldete Statue von sich in Ashgabat erbauen, die so um ihre eigene Achse rotiert, dass sein Gesicht ständig von der Sonne beschienen wird. Der Monat Januar wurde nach ihm benannt, der Monat April nach seiner Mutter. Sein Buch ist bis heute Pflichtlektüre in allen Schulen. Er verbot Videospiele, lange Haare und Bärte bei Männern, lies Büchereien und Krankenhäuser schließen. Stattdessen sollte sein Gesicht in jedem Haus und überall auf den Straßen zu sehen sein. Laut eigener Aussage nur, weil es die Bevölkerung so will. Sein Nachfolger im Amt des Präsidenten auf Lebzeit versucht zwar langsam die größten seiner Auswüchse rückgängig zu machen, allerdings nicht ohne sein eigenes Image zu festigen. Die riesigen Glasbauten im Land stehen im krassen Kontrast zur Bevölkerung, welche zum Großteil in sehr armen Verhältnissen lebt.


Es ist definitiv das skurrilste Land, in dem wir bisher unterwegs sind, und auch definitiv das Erste bei dem wir es kaum erwarten können wieder draußen zu sein!

Etwas positives können wir dem Land bis hierhin dann doch noch abgewinnen. Es ist ein wahres Melonenparadies! 7 kg schwere Wassermelonen gibt es für weniger als 20 Cent. Klar dass das unser tägliches Highlight ist bei 40°C im (nicht vorhandenen) Schatten. Ansonsten steigt unsere Vorfreude auf den Iran mit jedem Kilometer dem wir der Grenze näher kommen. Die letzte Nacht verbringen wir 40 km vor der Grenze und sind so trotz mächtig Gegenwind relativ früh am Grenzposten. Selbst die Ausreise aus dem Land zieht sich wie Kaugummi. Wir müssen unser komplettes Gepäck scannen lassen und unsere Pässe insgesamt achtmal vorzeigen bis wir endlich Lebewohl und hoffentlich auf „Nimmer-Wiedersehen“ sagen können! Iran wir kommen!






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